Workshop

Der Weg zur ersten Mid-Power-Rakete

EB
Edgar Butwilowski
22.11.2025
15 Min. Lesezeit

Hallo liebe Raketenfreunde! Heute möchte ich euch mitnehmen auf eine kleine Reise – meine Reise zum Bau meiner allerersten Mid-Power-Rakete. Setzt euch, nehmt euch einen Keks, und lasst uns gemeinsam schauen, wie aus einem Haufen Teile ein stolzer Flieger wird.

01. Die Auswahl des Modells

Für dieses Projekt habe ich mich für die Dynastar Amarok entschieden. Ein wunderschönes Modell von Apogee Components Inc., das ich für etwa 75 EUR aus der "MPR/HPR Sport Rockets" Serie erstanden habe. Übrigens, nur damit wir uns richtig verstehen: Ich werde hier zwar Marken nennen, aber das sind alles meine eigenen Anschaffungen. Ich habe keinerlei Werbeverträge – ich bin einfach nur ein Fan guter Technik!

Die Amarok ist ein klassisches Mid-Powered-Rocket (MPR) Modell, das aber schon ein wenig in Richtung High-Powered-Rocket (HPR) schnuppert. Genau das Richtige, um den nächsten Schritt im Hobby zu wagen.

02. Das richtige Werkzeug und Material

Bevor wir loslegen, ein väterlicher Rat: Gutes Werkzeug ist die halbe Miete. Spart nicht am Kleber, Kinder! Hier ist, was ich für den Bau verwendet habe, damit das Ding auch wirklich zusammenhält:

  • Für die Flossenansätze (Fin Fillets): Epoxid-Modelliermasse. Ich schwöre auf den UHU Plus Schnellfest 2-K Spachtel. Der hält bombenfest.
  • Für Holzteile und Flossen: Ein guter Holzleim ist Pflicht. Ponal Holzleim Wasserfest hat mich noch nie im Stich gelassen.
  • Für die Ewigkeit: Wenn die Flossen in ihren Schlitzen wirklich sitzen sollen, dann hilft nur reines 2-Komponenten-Epoxidharz. Mein Favorit: UHU Plus Endfest 300.
Materialübersicht für den Raketenbau
Alles bereitgelegt: Ordnung ist das halbe Leben, auch beim Raketenbau.

03. Vorbereitung der Bauteile

Schaut euch diese Teile an! Lasergeschnittenes Holz hat einfach etwas Befriedigendes, findet ihr nicht auch?

Lasergeschnittene Bauteile
Präzision, die begeistert.

Die Bauteile sind zwar vorgeschnitten und man könnte sie einfach mit der Hand herausdrücken... aber tut mir den Gefallen und macht das nicht. Wir wollen ja Qualität abliefern!

Profi-Tipp

Nehmt ein scharfes Präzisionsmesser und schneidet die kleinen Stege an den Sollbruchstellen vorsichtig durch. So lösen sich die Teile sauber und ohne Ausreißen. Wenn doch mal ein kleiner Span stehen bleibt: Einfach vorsichtig abschneiden.

Aber Achtung: Noch nicht schmirgeln! Die rauen Kanten, die der Laser hinterlassen hat, sind perfekt für den Leim. Da krallt er sich so richtig schön fest.

Herauslösen der Bauteile
Vorsichtiges Arbeiten zahlt sich aus.
Vorbereitete Bauteile
Bereit für den Zusammenbau.

Das Puzzle der Flossen

Ein Detail verlangt hier noch unsere handwerkliche Liebe: Die Flossen. Da diese aus mehreren Segmenten bestehen, müssen sie zunächst "verheiratet" werden. Hier greifen wir ganz bewusst zum Ponal Holzleim.

Warum kein Epoxid an dieser Stelle? Die Antwort liegt in der Chemie: Holzleim geht eine innige Verbindung mit den Holzfasern ein und verschweißt sich regelrecht mit dem Material. Er ist leichter als Harz und lässt sich später hervorragend glattschleifen – essenziell für aerodynamisch perfekte Flossen. Legt die Teile auf ein Stück Karton (damit nichts am Tisch kleben bleibt), bestreicht die Kanten mit Leim, fügt sie zusammen. Drückt sie anschliessend mit dem Daumen mit ordentlich Druck auf einer geraden Unterlage zusammen. Dann solltet ihr mit einem Papiertuch und dem Präzisionsmesser noch übrig gebliebene Kleberreste entfernen. Danach könnt ihr alles mit einem schweren Buch beschweren. Nur so werden die Flossen absolut plan.

So, das war der erste Schritt. Die fertigen Flossen liegen bereit, der Leim trocknet. Jetzt wird es ernst: Wir bauen das Herzstück der Rakete zusammen!

04. Der Motorblock: Das Kraftzentrum

Der Motorblock (Motor Mount) ist das Fundament für den Antrieb. Hier muss alles bombenfest sitzen. Die Amarok verwendet ein 29mm-Motorgehäuse, das von zwei Zentrierringen im Hauptrohr gehalten wird.

  1. Zentrierringe vorbereiten: Nehmt die beiden lasergeschnittenen Zentrierringe. Einer davon hat eine Aussparung für die Motorhalterung (ein Gewindestab).
  2. Motorrohr markieren: Zeichnet mit einem Bleistift eine Linie entlang des Motorrohrs. Das hilft, die Flossen später exakt auszurichten.
  3. Trockenübung (Dry Fit): Steckt die Zentrierringe auf das Motorrohr, aber ohne Leim. Passt alles? Super. Wenn nicht, ganz leicht mit feinem Schleifpapier nachhelfen.
  4. Verleimung: Tragt eine dünne Schicht Holzleim auf die Innenseite der Zentrierringe und auf das Motorrohr auf. Schiebt die Ringe an ihre endgültige Position (siehe Bauanleitung für genaue Maße). Achtet darauf, dass der Ring mit der Aussparung hinten sitzt. Überschüssigen Leim sofort mit einem feuchten Tuch abwischen.
  5. Motorhaken/Gewindestab anbringen: Montiert das Motor-Retainer-System. Das ist meist ein einfacher Gewindestab mit Muttern, der verhindert, dass der Motor beim Ausstoß nach vorne schießt. Sichert ihn mit etwas Epoxidharz.

05. Flossenmontage: Die Kunst der Stabilität

Die Flossen sind entscheidend für einen stabilen, geraden Flug. Die Amarok hat den großen Vorteil von "Through-the-Wall" (TTW) Fins, bei denen die Flossen durch Schlitze im Hauptrohr direkt mit dem Motorrohr verklebt werden. Das ist extrem stabil!

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  1. Flossen vorbereiten: Die Kanten der Flossen, die in die Schlitze kommen, sollten leicht angeraut sein, aber nicht geschliffen werden. Die raue Kante vom Laserschnitt bietet dem Kleber optimalen Halt.
  2. Trockenübung: Führt den zusammengebauten Motorblock in das untere Hauptrohr ein (noch ohne Kleber!). Steckt dann die Flossen durch die Schlitze im Hauptrohr, bis sie am Motorrohr anliegen. Sitzen sie gerade? Wackelt etwas?
  3. Achtung, Falle!

    Verklebt den Motorblock erst, NACHDEM die Flossen perfekt passen. Sonst bekommt ihr sie später vielleicht nicht mehr richtig eingesetzt.

  4. Interne Verklebung (Internal Fillets): Das ist der Profi-Schritt für maximale Stabilität. Markiert die Positionen der Flossen auf dem Motorrohr. Zieht die Flossen wieder heraus. Tragt nun 2-Komponenten-Epoxidharz (UHU Plus Endfest 300) auf die Kanten der Flossenwurzeln auf, die am Motorrohr anliegen. Setzt die Flossen ein und schiebt gleichzeitig den Motorblock an seine finale Position. Stellt sicher, dass die Flossen perfekt am Motorrohr anliegen.
  5. Motorblock fixieren: Tragt jetzt Holzleim auf die Außenseiten der Zentrierringe auf und schiebt den Motorblock an seine endgültige Position im Hauptrohr. Richtet die auf dem Motorrohr angezeichnete Linie an einem der Flossenschlitze aus.
  6. Äußere Verklebung (External Fillets): Wenn das Harz innen trocken ist, könnt ihr die Flossen von außen verkleben. Tragt eine dünne Naht Holzleim in die Fuge zwischen Flosse und Hauptrohr auf. Lasst es trocknen.
Herauslösen der Bauteile
Holzkleber auf die Flossenteile auftragen.
Vorbereitete Bauteile
Die Kontaktflächen sind mit einer dünnen Schicht Holzkleber versehen.

Text...

Zusammenbau des Motorblocks
Mit ordentlich Druck die Flossenteile auf Linie bringen.

Text...

Zusammenbau des Motorblocks
Alle drei Teile einer Flosse sind nun verbunden.

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Zusammenbau des Motorblocks
Dies wird bei allen drei Flossen wiederholt.

Text...

Bauteile für den nächsten Schritt
Dies wird bei allen drei Flossen wiederholt.

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Motorhalterung zusammenstecken
Holzkleber auf die Flossenteile auftragen.
Richtige Abstände beachten
Die Kontaktflächen sind mit einer dünnen Schicht Holzkleber versehen.

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Motorhalterung zusammenstecken
Eine Raupe Holzleim zwischen Pappe und Holz.
Richtige Abstände beachten
Auch am Ring sollte ein durchgehender Streifen Holzleim verwendet werden.

Text...

Das Wort klingt im Alltag erst einmal nach dem Insekt! In der Fachsprache des Handwerks (besonders beim Kleben und Abdichten) ist eine „Leimraupe“ oder ein „Dichtungsstrang“ jedoch der korrekte technische Begriff. Was genau ist damit gemeint? Eine „Raupe“ beschreibt die Form, wie der Klebstoff aus der Tube oder Flasche aufgetragen wird: Es ist eine durchgehende, wurstförmige Linie aus Klebstoff. Man trägt den Leim nicht flächig oder in einzelnen Punkten auf, sondern zieht eine gleichmäßige Spur entlang der Nahtstelle. Warum benutzt man diesen Begriff? Wenn du die Leimflasche mit leichtem Druck am Werkstück entlangziehst, sieht die Form des Klebestreifens auf der Oberfläche eben ein bisschen aus wie eine kleine Raupe. In deinem Fall bedeutet das: Du sollst dort, wo das Holz (Sperrholz) das Rohr berührt, eine feine Linie Kleber in den Winkel ziehen (eine sogenannte Hohlkehle bilden), um die Verbindung stabil zu machen.

06. Rumpf & Bergungssystem

Jetzt fügen wir den Rest zusammen und kümmern uns darum, dass die Rakete auch sicher wieder zu Boden kommt.

  1. Koppler und Baffle: Die Amarok hat ein "Baffle"-System, das heiße Gase vom Fallschirm fernhält. Verklebt den Koppler, der die beiden Rumpfabschnitte verbindet, mit Holzleim im unteren Teil des oberen Rumpfrohrs. Das Baffle wird meist in diesen Koppler integriert.
  2. Shock Cord (Elastikband): Befestigt das Shock Cord wie in der Anleitung beschrieben. Meist wird es am oberen Zentrierring oder am Koppler verankert. Niemals direkt am Motorblock, da die Hitze das Band beschädigen könnte!
  3. Fallschirm vorbereiten: Faltet den Fallschirm gemäß Anleitung. Eine gängige Methode ist, ihn zu einer langen, dünnen Wurst zu rollen und dann zu falten. Wickelt die Fangleinen darum.
  4. Alles packen: Packt zuerst den Fallschirm in den oberen Rumpfabschnitt, dann das Shock Cord (schön locker). Zum Schluss kommt die Raketenspitze (Nose Cone) drauf, die das Paket verschließt. Sie darf nicht zu fest und nicht zu locker sitzen.

07. Finish und Lackierung

Eine Rakete fliegt nicht besser, wenn sie schön aussieht, aber es macht einfach mehr Spaß!

  1. Spachteln und Schleifen: Jetzt kommt die Modelliermasse zum Einsatz. Zieht saubere "Fillets" (Hohlkehlen) an den Flossenübergängen. Das erhöht nicht nur die Stabilität, sondern verbessert auch die Aerodynamik. Nach dem Aushärten alles glattschleifen. Beginnt mit grobem Papier (z.B. 180er) und arbeitet euch zu feinem (400er oder feiner) hoch.
  2. Grundierung: Tragt mehrere dünne Schichten Füller oder Grundierung auf. Zwischen den Schichten immer wieder leicht anschleifen. Das füllt kleine Poren im Papprohr und im Holz.
  3. Lackierung: Wählt eure Lieblingsfarben! Sprüht in dünnen Schichten, um Läufer zu vermeiden. Lasst jede Schicht gut trocknen.
  4. Decals (Aufkleber): Bringt die mitgelieferten Vinyl-Aufkleber an. Ein kleiner Trick: Sprüht etwas Wasser mit einem winzigen Tropfen Spülmittel auf die Stelle, wo der Aufkleber hin soll. So könnt ihr ihn noch leicht verschieben. Wenn er perfekt sitzt, drückt das Wasser mit einem weichen Tuch von innen nach außen heraus.

08. Der letzte Check

Bevor es auf den Startplatz geht, überprüft alles noch einmal: Sitzt die Spitze fest genug? Gleitet der Fallschirm leicht aus dem Rohr? Ist der Motor-Retainer fest? Wenn alles passt, steht dem Erstflug nichts mehr im Wege!

Ich hoffe, dieser detaillierte Einblick hat euch gefallen und motiviert euch, selbst den Schritt zur Mid-Power-Rakete zu wagen. Es ist ein unglaublich befriedigendes Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu bauen und es dann in den Himmel steigen zu sehen.

Viel Erfolg und allzeit "Gut Flug!"